Schlagwort: Liebe

Warum ich trotzdem froh bin…

Ich bin trotz meiner Trauer froh. Wirklich froh. Und doch dürfte ich es niemals laut aussprechen. Ächten würden sie mich. Wahrscheinlich für mehrere Monate schneiden, vielleicht würden sie mich zu Weihnachten ignorieren. Denn das sind die Bestrafungen, die man in unserer Familie erfährt, wenn man sich gegen das Verhält „was sich gehört“.
Aber ich schäme mich nicht, dass ich dennoch froh bin.

Ich bin froh für Opi.
Er hatte genau den Tod, den er wollte.
Er wollte nie weg, nie ins Krankenhaus gebracht werden, nie ins Altersheim.
Vor 2 Wochen war er so schwach, schon mehrere Tage. Er stand nicht mehr auf. Er aß und trank nicht mehr selbst, weil seine Arme die Kraft nicht mehr hatten sich ein Glas zu nehmen. Wir flößten ihn Apfelschorle mit dem kleinen Löffel ein.  Als sein Bein dick wurde, haben wir gegen seinen Willen den Hausarzt kommen lassen. Dieser sagte, er müsse ins Krankenhaus und sich gründlich untersuchen lassen, er vermute Thrombose.
Wir ließen ihn dann noch die Nacht in seinem Bett und beratschlagten uns. Und beschlossen, dass wir ihn am nächsten Morgen ins Krankenhaus einliefern lassen.
Meine Tante ist mit gefahren. Sie meinte, er hätte solche Angst gehabt, das hätte man ihm im Krankenwagen genau angemerkt. Im Krankenhaus haben die Ärzte ihn gründlich untersucht und er durfte noch am selben Nachmittag wieder nach Hause.
Meine Tante hat erzählt, dass er den ganzen Weg im Krankenwagen, der ihn nach Hause fuhr, immer wieder fragte: „Und wohin fahren wir jetzt?“
Und meine Tante immer sagte: „Heim…“
Opi: „Ja, wo heim… zu Dir heim?“
Meine Tante: „Nein, zu Dir nach Hause.“
Opi: „Du verarschst mich! Ich war im Krankenhaus. Ihr bringt mich heimlich weg!“

Ja, mein Opi war so einer, der ganz unverblümt sprach, wie es ihm die Seele vorgab und auch mal solche Worte benutzte, wie „verarschen“ oder „Hornochse“ oder „debberte Kuah“ oder „so ein Vollarsch“.

Als der Krankenwagen vor unserem Haus hielt und sie den Opi dann mit seinem Rollstuhl ausluden, saß er anscheinend in dem Rollstuhl und machte ganz große Augen. Und als er seine Straße und sein Haus erkannte, hat er so richtig aufgejuchzt und „Jaaaaaahhhhh!!! Zu Hause!!! Ich bin zu Hause!!!“ gerufen.
Ich hatte schon Feierabend und hatte gerade mein Auto geparkt, als er ganz strahlende im Rollstuhl saß und der Krankenwagen gerade wegfuhr.
„Sie haben mich nach Hause gefahren!“ hat er mir ganz stolz erzählt.
Tante und ich haben ihn dann die Treppe hoch bugsiert. Das war nämlich gar nicht mehr so einfach. Eigentlich kann er aus eigener Kraft gerade mal drei Stufen laufen. Dann muss man ihn per Räuberleiter, die man zusammen auch überkreuzten Armen macht hochtragen. Aber Opi wog zu letzt noch ganz wenig, da ging das schon.
Oben angekommen warteten seine Kinder und ein Großteil seiner Enkel, und natürlich seine Ehefrau auf ihn.
Die Freude, dass er nach Hause durfte und wir ihn weiter zu Hause begleiten konnten, war bei Opi so groß, dass er am selben Abend noch ein ganzes Stück Kirschkuchen aß und eine Grießsuppe. Das ist für ihn schon ein Festmahl von der Menge her. Genauso konnte er sich selbst auf dem Stuhl halten und trank selbstständig sein Radler und er ging das erste Mal seit langen wieder alleine auf Toilette!
Natürlich gefolgt von einem ganzen Geschwader Familie, denn wir erschraken alle ganz furchtbar, als er auf einmal seinen Stock packte, für seine Verhältnisse echt schnell aufstand und wackelig, aber stetig, in den Flur spazierte. Alle sind wir aufgesprungen… alle Hände sofort bereit ihn aufzufangen…  Münder sprachen: „Opi geht es?“
und „Opi, soll ich Dich nicht halten?“ und „Opi, wo willst denn hin?“
Opi drehte sich mitten auf seinen Weg zu uns um, stützte sich zittrig auf seinen Stock und meinte nur: „Was macht ihr denn für einen Aufstand? Ein alter Mann wird ja wohl noch mal in Ruhe auf’s Klo dürfen!“
Wir staunten alle echt nicht schlecht.
Konnte er sich bis zu dem Tag davor kaum im Bett selbst bewegen.
Er ging auf Toilette. Einige folgten, denn ja, der Zustand von meinem Opi war so wackelig, dass er dann doch kleinlaut zu gab, dass man ihm halten müsste beim Hose ausziehen. Platzierte sich auf die Toilette, alle Augenpaare natürlich auf sich gerichtet… und schloß die Augen.
Irgendwann öffnete er eins, und meinte: „Meine Güte, da kann man sich ja echt nicht entspannen. Türe zu! Du und Du (das war an eine Tochter  von ihn gerichtet, die ihn während des Ausziehvorgangs hielt und an mein Schwesterchen, die half ihn die Hose vom Po zu ziehen) raus hier! Ich rufe, wenn ich nicht mehr kann, beziehungsweise sag ich Bescheid, wenn ich fertig bin. Bis dahin: Türe zu!“

Eine kuriose Situation… Trotzdem mussten wir alle lachen. Für uns war es toll, dass er so fit war, innerhalb von wenigen Stunden, dass er wieder Befehle erteilte. Wir fühlten uns, als wären wir kurzerhand in einen Sketch verfrachtet, aber wir sind die Hauptdarsteller.
Wir warteten geduldig alle im Flur vor der Toilettentüre. Mit Omi waren wir 9, die da wie die Hühner auf der Stange auf der Garderobe von meiner Oma saßen, oder vor der Türe rumstanden. Und alle lauschten angestrengt, ob man Opi halten musste wohl, oder ob ein Ächzen zu vernehmen war, oder ob er umfiel oder so was.
Aber es kam kein Geräusch.
Omi gingen die Nerven durch: „Opi – alles in Ordnung da drin bei Dir?“
Von Opi kam ein entnervtes: „Hetze mich nicht, Weib!“

Das Adrenalin, das durch die Freude bei Opi ausgeschüttet wurde, hat ihn wirklich wieder so ziemlich fit werden lassen.
An diesem Abend blieb er sogar bis um elf Uhr im Wohnzimmer in seinem Sessel sitzen.
Wir erklärten ihm, dass wir ihm jetzt jeden Tag Thrombose-Spritzen setzten mussten und wir alle eingewiesen werden vom Pflegedienst, damit wir es alle auch können. Wir mussten ihm versprechen, dass wir immer schön abwechseln zwischen seinen Beinen und seinem Bauch.
Noch vor 1,5 Wochen an dem Freitag, als die Bayern verloren, hat er mit meinem Vater das Fußballspiel angeschaut. Am Samstag danach hat er mit all seinen Enkeln Gemüselasagne gegessen, die meine Omi gemacht hatte.
Und trotzdem hielt das Adrenalin nicht an, und er wurde von Tag zu Tag wieder schwächer.
Bevor ich verreiste, erzählte ich ihm, wo ich überall hin müsste. Und dass er mir die Daumen drücken sollte. Er meinte, er würde die großen Zehen auch mit drücken. Und als ich mich verabschiedete rief er mir nach: „Viel Erfolg! Bring auch Aufträge mit, damit die Geschäfte gut laufen!“
Aber da konnte er schon wieder nicht mehr selbst trinken, oder selbst vom Sessel ins Bett.

Aber genau so behalte ich ihn auch in Erinnerung, mit dem Schalk in den Augen.

Und froh bin ich, dass es jetzt doch so schnell ging für ihn.
Wir haben jetzt zwar seit Heilig-Drei-König angefangen uns alle zusammen, immer im Wechsel, uns um ihn zu kümmern. Er musste oft gewickelt werden, weil er oft zu schwach war um auf Toilette zu gehen und wir zu langsam um ihn rechtzeitig aus dem Bett zu hieven und ihn auf den sogenannten Nachtstuhl zu setzten.
Wenn er vom Sessel ins Bett wollte, haben oft zwei Personen ihn unter den Armen gepackt und ihn in den Rollstuhl gezogen. Vor dem Bett dasselbe wieder: zwei Personen die ihn hievten, wuchteten und schoben, bis er richtig lag.
Ich hab dann immer gesagt: „Opi, bald ist es vorbei. Bald hast Deine Ruhe und darfst schlafen, dann haben wir es und quälen Dich nicht mehr.“
Er hat dann nur immer gesagt: „So… meinst, oder?“
Auch abwechselnd Nachtwache haben wir an seinem Bett gehalten. Immer so, wie es jeder konnte, immer der, der am nächsten Tag nicht zu viel Streß in der Arbeit vermutete.
Er war bis zuletzt im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Er hat immer gesagt: „Des ist die Kiara, des ist nämlich die Einzigste mit ganz schwarze Haare…“
Oder wenn eines seiner Kinder ohne Ehepartner da war, hat er sofort nach diesem gefragt, und wie es dem geht und wo der Partner denn sei.
Und er hat bestimmt auch voll mit bekommen, dass sein Körper immer schwächer wurde. Und das war bestimmt nicht schön für ihn.
Deshalb freue ich mich für ihn, dass es jetzt, bevor es noch schlimmer wurde, für ihn vorbei ist. Und ich freue mich, dass er so einen friedlichen Tod hatte, dass er nicht einmal kurz geröchelt hat oder kurz einen Anflug von Schmerzen hatte.
Mein Papa hat gesagt, er hätte wirklich nur gesagt: „Dann schlafe ich jetzt. Tschüss, mein Sohn!“ Hätte die Augen zu gemacht. Noch zwei Atemzüge genommen und hätte einfach aufgehört zu atmen. Und ich freue mich für ihn, dass sein Wunsch in Erfüllung ging, dass er zu Hause bleiben durfte und in seinem Bett (das war ihm sein Liebstes!) einschlafen konnte, und dass er starb, bevor Pflege für ihn zur Erniedrigung werden musste.

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Und deshalb freue ich mich für ihn und bin froh!