03 2012 | Tja, wie soll ich nur anfangen…


Das ist die große Frage an mich soeben.

Jetzt momentan bin ich ziemlich geschafft.
Es ist doch was anderes sich zu Hause selbst zu versorgen. Und vorallem bringt niemand mehr ein Tablett mit Essen an mein Bett… 🙂

Zu Allererst, die Zeit in meinem besonderen Urlaub war
sehr hilfreich, lehrreich, aufschlußreich, resultatreich – mit vielen kleinen Anekdoten gespikt – viele nette Menschen waren auch dabei….
Ich bin von so einem Urlaub mittlerweile so überzeugt, dass ich der Meinung bin, das sollte ein Pflichtprogramm für Jeden werden. So wie der Führerschein, wenn man sich mit einem PKW frei im Straßenverkehr bewegen möchte. Genauso sollte es auch sein, wenn man sein eigenes Leben eigenverantwortlich führen möchte, dann sollte man einen „Charakterführerschein“ vorweisen können, bzw. sollte den Nachweis erbringen, dass man sich mindestens 6 Wochen eingehend mit sich selbst beschäftigte und über sich Bestens Bescheid weiß.

Auch wenn es dort nun Einsprüche geben mag, doch denke ich mittlerweile, dass Menschen dazu neigen lediglich zu denken, sie wüssten über sich Bescheid, es aber nun mal nicht tun….

Nun ja – jetzt schweife ich mal nicht vom Thema ab….

Das Problem war, dass ich in sehr negativen, bzw. nicht guttuenden Gefühlen gefangen war. Und nicht herausfand. Ich bin auch hier in meinem Blog über meinen Zustand vor dem „besonderen Urlaub“ nicht ehrlich gewesen.

Weil es mir peinlich war.
Weil ich dachte: „Das kann doch nicht sein…“
Weil ich es nicht wahrhaben wollte.

Es sind solche Sachen passiert im November, dass ich stundenlang heulend auf der Flurtreppe saß, den Müllbeutel welcher in den Entsorgungseimer nach draußen sollte, neben mir. Geheult habe ich, weil ich so kraftlos war, da ich nach sieben mal Treppen hoch und runterlaufen es nicht geschafft habe – den Müll, meinen Haustürschlüssel und Schuhe-an-den-Füßen zur selben Zeit mit zur Haustür zu bringen. Immer hatte ich ein Ding vergessen. Entweder stand ich unten, und hatte den Müll, weswegen ich ja ursprünglich unterwegs war, oben stehen lassen. Oder ich fand mich dann unten mit Schlüssel und Müll und stellte fest ich habe keine Schuhe an – wieder auf nach oben, nur um unten anzukommen und festzustellen, ich habe blöderweise den Müll oben abgestellt zum Schuhe ausziehen und nicht wieder mitgenommen und so weiter, und so weiter.
Das ganze gepaart mit einer sehr schnellen körperlichen Erschöpfung.
Das war z.B. eine der Situationen, in welchen ich wirklich dachte ich verliere den Verstand und stundenlang in einer Verzweiflung gefangen war, das sie keinen Ausdruck fand. Nur um mal ein typisches Beispiel zu nennen.
*beautiful betti* fand das übrigens <lustig>, als ich mich ihr anvertraute. [Was ich über das Amüsmant denke, ist wahrscheinlich nicht schwer zu eraten…]

Genauso hatte ich die ersten 3 Wochen im November bis so zu meinen Geburtstag circa, wirklich Schwierigkeiten in den Tag zu starten. Ich hatte Schwierigkeiten überhaupt aufzustehen und mich nur zu waschen. Tat ich dies und zog mich an, war ich so fertig, als hätte ich den ganzen Tag gearbeitet. Ihr erinnert Euch an die Standpauke von Heinz in meinem Bad über mein Aussehen und wie ich denn rumlaufen würde?
Tja, das kam nicht von ungefähr her. Der gute Mann ist erschrocken, als er meinen Zustand sah.
Zudem hatte ich ständig Muskelzittern und Muskelschmerzen.

Ich sah weder die Details der Welt, noch die Sonne oder Farben. Es war grau und dunkel – aber ich gab es nicht zu.
Klar machte ich während der ambulanten Auffangbehandlung dann Fortschritte, kam wieder mehr in einen Tag hinein – doch war es weit ab von dem was ich als gewohnt, bzw. als normal bezeichnen würde.

Ich hatte Angstattacke. Ich erkannte diese nicht als Angstattacke, da diese so weit weg sind, von der Angst welche ich bisher kannte. Es hatte nichts mit dem Gefühl zu tun, das ich habe, wenn ich auf dem 10m Sprungbrett im Schwimmbad stehe und mich zum Sprung überwinde.
Die Angstattacke fingen plötzlich an. Die erste Angstattacke (nach dem mir erst mal klar gemacht wurde, dass diese Symptomatik bei mir besteht), an welche ich mich erinnere ist von Anfang April letzten Jahres, als ich abends zu Hause total fertig war, weil ich dachte meine Krankheit mit der Schilddrüse hat ganz schlimme Auswirkungen. Eine weitere sehr schlimme Angstattacke von der ich mich Stunden nicht beruhigen konnte und nur heulte, war auf einem Autobahnrastplatz auf den Weg nach Wolfsburg. Kleinere Angstattacken mit Brustenge und Schweißausbrüchen oder Schüttelfrosterscheinungen auf einmal in Meetings in der Firma, irgendwann ein beklemmendes Gefühl in Supermärkten, bei gesellschaftlichen Anlässen, auf einmal unglaubliche Ängste bevor ich neue Menschen traf usw.
In der Zeit als das alles auftrat, war ich total überfordert damit.
Ich hatte auch sogenannte „Erinnerungssprünge“ – neumodisch heißt das auch <Flashbacks> – an ungute Beziehungssituationen zu meinem Ex-Ex-Freund (der wegen dem ich im März 2010 mit dem Bloggen anfing).
Auch auf das die selbe unbewusste Reaktion: ich dachte: „Das kann doch nicht sein…“, wollte es nicht wahrhaben, habe es weggeschoben.
Einschlaf- und Durchschlafstörungen begannen die Tagesordnung zu werden. Wenn ich genauer überlege fingen die Schlafstörungen sogar schon im Dezember 2010 an. Zur Regelmäßigkeit wurden sie ab ca. April 11.

Die Sicherung richtig durchgebrannt hat es mir, nachdem ich die Sache mit meinem Nicht-Vater Mitte März 2011 erfuhr. Ein kurzer unglaublicher Schmerz, der mir für Sekunden den Atem raubte – und dann war ich Tod – ohne weitere wirkliche spürbare Gefühle – Abgeschaltet. Dachte ich zumindest. Doch es hat sich seinen Weg nach oben gebannt. Und brach in einer Art Verteidigungshaltung gegen alles aus.

Alltagssituationen (siehe auch die Passsage mit den Angstattacken) wurden schwieriger zu bewältigen, weil mich ständig seltsame Gefühle überwältigten. Angst, Verzweiflung, Trauer und Verteidigung…. in diesem war ich Gefangen.
Teilweise hatte ich am Wochenende nicht mal die Augen aufgeschlagen, alles hätte gut sein sollen und ich hätte heulen können und hab es auch oft getan, ohne dass ich wusste warum.
Konzentration und bei der Sache bleiben wurde sehr, sehr schwierig und wenn dann war es enorm kraftraubend.
Belastbar war ich überhaupt nicht mehr – in keinster Weise. Und ich wurde auch immer weniger Belastbar.
Auch hier habe ich aber immer versucht weiter zu machen – weil wieder: „Das kann doch nicht sein, Du musst doch Das und Das und Das so und so machen…“ Hingekriegt habe ich schon länger bestimmte Sachen nicht mehr so, wie ich sie von mir gewohnt war. Konnte ich Anfang 2011 noch innerhalb 1 Stunde das Haus verlassen nach dem Aufstehen, benötigte ich bereits im Herbst 2011 mehrere Stunden.
Mein Haushalt versank im Chaos. Meine Wohnung wurde ein liebloses Sonstwas.
Entspannung fand ich keine mehr. Ich war immer darauf gepolt, dass wieder was Schlimmes passieren könnte… Warum? Fragt mich was Leichteres – es wird von „den Anderen“ vermutet, dass es eine Kombination war aus meiner Kindheitsgeschichte heraus und aus der Gewebswucherung, welche in meinem Kopf wuchs.
Zwar bestätigte die Eingangsuntersuchung zu meinem besonderen Urlaub bereits einige Symptome, wie z.B. gestörte Tiefensensibilität. Mein abartiger Augendruck auf dem linken Auge, meine ständige Morgenübelkeit wurden bei der Eingangsuntersuchung sehr wohl notiert und bemerkt. Ich wurde auch sofort gefragt, ob ich denn Platzangst hätte, falls man von mir ein CT machen lassen wollen würde.
Trotzdem wird natürlich vorrangig psychosomatisch geschaut. Denn das ist nun mal sehr, sehr, sehr viel häufiger auch für körperliche Schwierigkeiten. Vorallem beschrieb ich ja, dass ich an mir selbst beobachte, dass ich auf Situationen einfach mir selbst fremdartig reagiere.
Ich beschrieb es so, dass ich mich selbst nicht mehr kenne und mir so vorkomme, als hätte ich mich selbst verloren.

Tja… und so kam mein „besonderer Urlaub“ zustande. Und dort wurde dann nach 9,5 Wochen festgestellt, nachdem viele Dinge sich sehr verbesserten – andere Symptome und Muster einfach nicht wegzukriegen waren – , dass ich diesen Tumor habe und dass durch den dadurch veränderten Hirndruck meine „exekutiven Funktionen“ gestört sind, bzw vor allem das Limibische System beeinträchtigten würde.

Häh? Wie bitte Frau Doktor? Wie heißt das? Und – ääääh – was bitte soll den Das überhaupt sein?

Das ist unser Sein und unser Fühlen. Wie wir auf Situationen reagieren und wie wir uns schlichtweg verhalten. Und ob wir aus Gefühlen wieder herausfinden oder nicht. Ich habe immer nur sehr, sehr schwer herausgefunden. Und ich hätte mich sonst erst recht nicht vor Gefühlen abgeschaltet.
Anhand der Gewebedichte die die Scans aufwiesen, der Lymphosomenwerte im Blut und anderer solcher Werte, waren die Ärzte sich schon mit 75% Wahrscheinlichkeit sicher, dass der Tumor gutartig ist (die haben dafür sogar Noten, die die den Tumoren vergeben…).
Somit folgte auf meinen „besonderen Urlaub“ eine OP (am 14.) und ein fast 2-wöchiger Aufenthalt in einem echten Krankenhaus. Die Gewebeuntersuchung nach der OP bestätigte den Verdacht der Ärzte, dass die kleine Walnuss in meinem Köpfchen gutartig war und keine weitere Gefahr mehr zu erkennen ist.
Trotzdem war der „besondere Urlaub“ sehr gut, denn dort bereits habe ich wieder gelernt alle meine Gefühle zu erleben (und zwar enorm heftig) und zu identifizieren.
Ich habe wieder die warme Sonne und die Farben der Welt erkannt. Ich habe endlich meine ganze Geschichte auf eine Kette bekommen und ich habe gelernt etwas anzuerkennen und als „Geschehen“ zu aktzeptieren, was mir eben einmal vor knapp 2 Jahren passiert ist. Und ich kann nun mit dieser Person auch anders umgehen, nämlich so wie es sich gehört, mit Nichtbeachtung und Ignoranz – und nicht mehr unter dem Gefühl Beweisen zu wollen, dass ich von dieser Person erst gar nicht mehr Tangiert werde, und vor der Person herumstehe als wäre gar nichts gewesen. Zudem konnte ich die existentielle Frage kläre, wer ich bin – dies wurde durch das Erlebnis, das mein Vater gar nicht mein Vater ist, nämlich in seinen Grundfesten erschüttert. Und ich habe sehr viel über meine Autoimmunkrankheit und meine Stresstoleranz gelernt. Achtsamkeit mir selbst gegenüber hat nun eine ganz andere Bedeutung für mich. Zudem entwickelte ich ein sehr gesundes und von grundauf eigenes Körpergefühl und Selbstbild zu mir.

Also ja – Tumor hin oder her – ich hatte schon sehr argen „Urlaubsbedarf“ (also echt was an der Klatsche) aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich bei allem anders Verhalten hätte oder anders gehändelt hätte – wäre der Tumor nicht gewesen – ist extrem hoch. Leider ist die Vergangenheit nicht umkehrbar. Doch das ist ein Fakt, dem wir alle im Leben öfters ins Auge blicken müßen.

Tja, und jetzt muss ich erst mal gucken, wie denn die neue Kiara mit Loch im Kopf und nicht vorhandener Frisee denn so ist.
Auf jedem Fall bin ich glaube ich näher am Wasser gebaut, da gab es schon ein zwei Situationen, wo mir wegen einer Lapalie schier die Tränen hochgeschossen wären. Aaaaargh! Das wird doch jetzt hoffentlich nicht so weiter gehen….

Jetzt darf ich immer noch 2 Wochen lang nicht Autofahren und keinerlei Sport machen. Zudem muss ich noch einige Monate ein Medikament nehmen, ein sogenanntes Neuroleptikum (wenn mich nicht alles täuscht, wird das so geschimpft), das das Hirn beruhigen soll, oder irgendwie so….

Ich muss mich jetzt aber erst mal selbst beschnupppern.
Deshalb sage ich mal zu mir selber ganz freundlich „Hallo“ und freue mich, dass der ganze Scheiß endlich draußen ist. Und ich freue mich ein stinknormales, ganz langweiliges Leben starten zu können…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s